Israel - Viel Salz in dieser Suppe: Baden im Toten Meer
- Hanna
- 2. Mai 2019
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Jan. 2020
Ein Land voller Gegensätze - zwischen dem fruchtbaren Norden und staubtrockenen Wüstenlandschaften im Süden, zwischen Moderne und Tradition, zwischen vorsichtigem Misstrauen und großer Gastfreundschaft, zwischen dem Streben nach Frieden und Konflikten mit Palästinensern. Das ist Israel. Unglaublich beeindruckend, voller Geschichte und Geschichten, bewohnt von Menschen mit besonderem Hintergrund. All das und noch viel mehr macht Israel eine Reise wert. Im folgenden Beitrag geht es um das Baden im Toten Meer. Viel Spaß beim Lesen und Nachreisen!

Alles beginnt mit einer schrecklichen Hochhaussiedlung: Ein Hotel ist neben dem anderen aus dem Boden geschossen. Das Ganze direkt am Ufer des Toten Meeres. Drumherum: wüstenleere Landschaften, staubtrocken, sandfarben. Fast hätte ich das Stahlskelett vergessen, an dem wir auf dem Weg hierher vorbeigekommen sind: Es sind die ineinander verschlungenen Rohre und Leitungen einer chemischen Fabrik, in der Mineralien aus dem Toten Meer abgebaut werden. Das einzige, was hier leuchtet, ist das Tote Meer - und das wirklich schön, hellblau - wenn die Sonne darauf scheint.
Wir kommen in Ein Bokek an einem Freitagvormittag an. Es ist ca. 15 Grad warm, der Himmel hängt voller grauer Wolken. Wir schauen uns um und sehen Fast Food-Restaurants, Souvenirläden, Hotels - etwas anderes gibt es hier nicht. Mit Bestürzung stellen wir fest, dass wir hier in dieser Gegend übernachten wollen. Und warum sind wir überhaupt hier? Richtig, es ist wegen des Toten Meeres - eine der Hauptattraktionen Israels. Na gut, denke ich, wer will das nicht, einmal im Leben das Tote Meer sehen und darin baden?
Darin baden, richtig, das wollten wir, und das machen wir dann auch als erstes. Wir suchen uns eine Stelle am Strand, an der auch ein paar andere Touristen auf Liegen entspannen, wegen des kühlen Windes sind sie dick in Tücher oder Handtücher eingewickelt. Es ist zwar ein bisschen zu kalt, um sich hier auszuziehen, aber... Wenn nicht jetzt, wann dann?! Ich entblöße mich fröstelnd.
In Bikini und Badehose laufen wir schnell in Richtung Wasser. Es ist weder richtig warm noch richtig kalt. Wir waten einige Meter im flachen, hellblau schimmernden Uferbereich, bevor wir uns vorsichtig mit dem Wasser benetzen. Jetzt bloß kein Wasser in Mund, Nase oder Augen bekommen! Das kann wegen des extrem hohen Salzgehalts tödlich enden, haben wir gehört. Das Wasser hat einen Salzanteil von bis zu 33,7%. Zum Vergleich: Im Mittelmeer sind es zwischen 3 und 4%!
Um uns herum hören wir immer wieder Jauchzer und Schreie - Menschen, die zum ersten Mal das Schwebegefühl im Wasser erleben. Die übertreiben, denke ich, bis ich selbst neugierig werde und mich zurücklehne. Plopp! Meine Beine steigen ganz automatisch bis an die Wasseroberfläche auf. Und auch meine Arme kann ich gleichzeitig aus dem Wasser heben, ohne unterzugehen! Nach kurzer Zeit werden wir mutiger, drehen uns auch auf den Bauch, strecken beide Arme in der Superman-Pose nach vorne. So schweben wir durchs Wasser, können gar nicht genug davon kriegen.
Es ist ein wahnsinnig komisches Gefühl, dieses Dahin-Schweben, als hätte ich meinen eigenen Verstand ausgetrickst: Ich habe zwar keine Flügel, aber es geht doch, das mit dem Fliegen! Ungefähr so muss es sich anfühlen, wenn man schwerelos ist! Wir schauen uns an, grinsen, kichern, gehören jetzt doch zu jenen übergeschnappten Touristen, die wir eben noch belächelt haben.
Aufgrund des hohen Salzgehaltes gibt es im Toten Meer keine Lebewesen, nur Bakterien gedeihen prächtig. Darüber hinaus enthält das Wasser viele Mineralstoffe, die in der Kosmetikindustrie verarbeitet werden. Tatsächlich besteht der südliche Teil des Toten Meeres aus künstlich angelegten Verdunstungsbecken, in die immer wieder Wasser aus dem nördlichen Teil des Meeres gepumpt wird; die Becken könnt ihr übrigens gut bei Google Maps erkennen. Hier, im südlichen Teil, verdunstet das Wasser dann und das Salz lagert sich in zentimeterdicken Krusten am Meeresboden ab. Dadurch, dass der Grund also durch die Salzablagerungen stetig höher gelegt wird, besteht in einigen Bereichen des südlichen Teiles Überflutungsgefahr. Die israelische Regierung hat aus diesem Grund bereits eine Initiative gestartet, die Hotels und Badeanlagen dort vor Überflutung schützen soll.
Das klingt paradox, hört man doch immer wieder, dass das Tote Meer stirbt. Und tatsächlich sinkt der Wasserspiegel um 1,2 Meter pro Jahr, was allerdings nur im nördlichen Teil spürbar ist. Diese Zahl ist dramatisch, wenn man sich vor Augen führt, dass das Tote Meer vor 100 Jahren doppelt so groß war wie es heute ist. Durch den sinkenden Wasserspiegel sind übrigens mehr als 6000 sogenannte sinkholes entstanden - Löcher mit teils mehreren Metern Durchmesser rund um das Tote Meer, in denen der Untergrund durch das fehlende Wasser instabil geworden und eingebrochen ist. Diese Löcher sind mittlerweile zu einer Gefahr für die Menschen geworden, so dass immer wieder Straßen gesperrt werden.
Es ist nicht nur die Industrie, die Schuld an der Veränderung des Toten Meeres ist, sondern auch der private Wasserbedarf der Menschen und die Landwirtschaft. Nicht nur Israel, auch Jordanien und Syrien zapfen große Mengen an Wasser aus dem Jordan ab, dem Fluss, der das Tote Meer speist. Es bestehen Bemühungen, eine länderübergreifende Lösung zu finden, die aber immer wieder zum Erliegen gebracht werden - aufgrund von politischen Konflikten oder Ereignissen wie die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, infolge derer die Kommunikation zwischen Jordanien und Israel zum Erliegen gekommen ist.
Große Kritik kommt von Seiten der Bevölkerung - die Industrie trage eine große Schuld und zahle zu wenig Steuern - und auch von Umweltschützern, die fordern, dass die Nutzung des Wassers durch die Landwirtschaft eingegrenzt werden müsse. Sie stoßen dabei in einem Land, für das die Idee der Selbstversorgung ein essentieller Teil seiner Identität ist, nicht unbedingt auf offene Ohren.
Lies auch meine Geheimtipps zu Tel Aviv, wie wir aus Versehen in ein traditionelles jüdisches Shabbat-Dinner rutschten und was Banksy mit Israel zu tun hat.
Die Hintergrundinformationen zum Toten Meer habe ich folgenden Quellen entnommen:
· Chepkemoi, J. (2018): The world's salties bodies of water. - https://www.worldatlas.com/articles/the-world-s-most-saline-bodies-of-water.html (28.4.19)
· Schwartz, Y. (2018): Can Israel and Jordan cooperate to save the dying Dead Sea? - https://www.nationalgeographic.com/environment/2018/12/israel-jordan-dying-dead-sea-pollution-tourism (28.4.2019)
· (2011): Totes Meer - Israels Touristenattraktion in Gefahr. - https://www.derwesten.de/reise/totes-meer-israels-touristen-attraktion-in-gefahr-id4773919.html (28.4.2019)
· River, J. (2018): EcoPeace's vision for stabilizing the water level of the Dead Sea - 2018. - http://ecopeaceme.org/wp-content/uploads/2018/03/Dead-Sea-Brief_2018.pdf (28.4.2019)
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