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Vietnam - Lost in translation

  • Autorenbild: Hanna
    Hanna
  • 22. Okt. 2019
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Dez. 2019



Ich fühle mich hier manchmal wie Bob und Charlotte im Film Lost in translation in Tokyo. Ich kann kein Vietnamesisch und die Vietnamesen können oft kein Englisch. Und wenn, dann ist es ein Erfolg, wenn ich einzelne Wörter verstehe: Altaaa bedeutet beispielsweise old town, jutuuu heißt YouTube, ragafrii heißt Dragon Bridge.


Dass wir nicht wirklich miteinander reden können, macht es noch wichtiger, das Verhalten des Gegenübers zu deuten, in Gestik, Mimik und Tonfall lesen zu können. Viele Dinge hier sind mir fremd - so sehr, dass ich überlege, ob mir kulturelle Verhaltensunterschiede jemals so aufgefallen sind wie hier. Weil ich es spannend finde, aber auch, damit ich mich einigermaßen zurecht finde, fange ich bereits am Flughafen in Frankfurt an, zu recherchieren. Das Ergebnis möchte ich mit euch teilen...


In der Schlange stehen

Am Schalter der Vietnam Airlines in Frankfurt herrscht Chaos - zwei Maschinen fliegen gleichzeitig nach Vietnam, alle Schalter sind geöffnet. Ich stehe lange - sehr lange - in einer Schlange, in der sich der Vietnamese hinter mir auch noch versucht vorzudrängeln. Wie nervig!


Später stelle ich fest, dass die Schlange einen zweiten Schwanz hat, d.h. ab der Hälfte kommen Leute aus einer anderen Richtung dazu. Mein Sinn für Organisation und Management sagt mir, hier muss jemand Offizielles eingreifen, damit beide Schwänze der Schlange zum Zuge kommen. Als ich einer Angestellten vom Problem berichte, sagt diese allerdings nur: »Ich weiß, das ist hier immer so!« Sie fragt, ob ich alleine bin und lotst mich dann zum Business Class-Schalter, an dem es gar keine Schlange gibt.


An der Schlange fürs Boarding fällt es mir zum zweiten Mal auf: Einige Vietnamesen drängeln sich beim Schlangestehen vor. Ich googel es noch während ich dort stehe und lese, dass viele Vietnamesen nervös werden, wenn sie in Schlangen stehen müssen und sich gerne vordrängeln. Scheinbar stammt es aus einer Zeit, in der die Leute für Essensgutscheine anstehen mussten. In der Schlange zu den Toiletten ärgere ich mich deshalb nicht mehr, als mehrere Frauen einfach von hinten überholen und an den Wartenden vorbei direkt in die frei werdenden Toilettenkabinen gehen.


Neinsagen

Lektion Nr. 1 - Unterhaltung mit einer Angestellten beim Frühstück in meiner Unterkunft:

Sie: Do you want coffee?

Ich: No, thanks. Do you have tea?

Sie: You want coffee with milk?

Ich: No, thanks, tea?

Sie: You want coffee?

Dann erst verstehe ich, dass es einfach keinen Tee gibt, sie mir das aber nicht so direkt sagen möchte.


Lektion Nr. 2 - Unterhaltung mit einem Taxifahrer in Hoi An:

Er: Where you from?

Ich: From Germany.

Er: Oooh, I know Germany!

Ich: Really? Have you been there?

Er nickt kurz und heftig: Hm.

Ich: Oh really?!?

Nichts.

Ich: Where did you go?

Wieder nichts. Der Fahrer guckt stattdessen aus dem Fenster. Erst jetzt kapiere ich: Natürlich war er nicht in Deutschland, kann es mir aber nicht sagen, denn dafür müsste er meine Frage verneinen. Ist das nicht verrückt? Die Vietnamesen sagen einfach nicht nein, man muss stattdessen interpretieren - ihre Gestik, Mimik und ihre Worte. Für uns Deutsche, die wir gerne klar und direkt sind, ganz schön hartes Brot...


Straßenverkehr

Gut, dass es chaotisch ist, weiß man. Dass sehr viel Verkehr herrscht und sich alle am anderen vorbeidrängeln, ist klar. Immerhin hat Vietnam eine Bevölkerungsdichte von 308 Einwohner pro km2 (zum Vergleich Deutschland: 232 Einwohner pro km2).


Darüber hinaus sieht man aber auch häufig, dass Auto- oder Mopedfahrer ein Handy in der Hand haben und darauf tippen, lesen oder damit telefonieren. Irgendwie klappt es am Ende - insgesamt habe ich hier sehr wenig Unfälle gesehen, obwohl ich ständig einen erwarte. Die Statistik der Verkehrstoten widerspricht diesen Beobachtungen allerdings: Vietnam liegt darin zwar nicht auf Platz 1, dennoch aber weit oben, hinter einigen afrikanischen Ländern, Thailand und Venezuela.



Fremde

Leider muss man als Tourist häufig doppelt oder dreifach erhöhte Touristenpreise zahlen - für Essen, (außer Streetfood), Wasser, Kleidung, Taxifahrten. Viele Taxis haben manipulierte Taxameter, die schneller laufen. Wenn man sich dagegen wehren will, sollte man dies äußerst höflich (lächelnd!) tun, dann hat man eine Chance, dass derjenige sein überteuertes Angebot zurückzieht, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren. Erst gestern wollte mir jemand eine Flasche Wasser für 20.000 statt 10.000 Dong verkaufen. Als ich lachend (und ein bisschen lauter) sagte, oh no, too much, entschuldigte er sich dreimal und lachte laut, als hätte er einen Witz gemacht - um sich nicht vor den anderen Vietnamesen zu blamieren. Oft kommt man nicht um das Zahlen der höheren Preise herum, aber wenn man sich klar macht, dass es oft nur um Centbeträge geht, ist alles halb so schlimm (im Falle des Wassers betrug die Differenz 40 Cent).


Auf der anderen Seite begegnet man wirklich vielen Vietnamesen, die einem absolut offen, sehr freundlich und hilfsbereit begegnen: Meine Mitfahrerinnen im öffentlichen Bus achteten mit darauf, dass ich den Ausstieg nicht verpasste und am Bahnhof von Hue werde ich von einer jungen Frauen angesprochen, die gerne ein Foto mit mir machen möchte. Viele sind interessiert zu erfahren, woher ich komme und freuen sich unheimlich, wenn ich ihnen bei Google Maps zeige, wo Deutschland liegt.


Wie war das noch mit dem interkulturellen Lernen?!?

Obwohl ich als Fremdsprachenlehrerin - zumindest theoretisch - Expertin für interkulturelles Lernen bin - und meinen Schülern tagtäglich ans Herz lege, zu reisen, alles auszuprobieren, offen zu sein und sich einzulassen, ist es - jetzt eben ganz praktisch - gar nicht so einfach.


Für mich ist wohl das Wichtigste, mich in Geduld zu üben und Verständnis zu haben, denn ändern kann ich natürlich niemanden. Vielleicht schaue ich einfach auf die andere Seite der Medaille und freue mich darüber, dass ein fehlendes "Nein" vielleicht eine viel positivere Sicht auf das Leben ermöglicht. Ich freue mich auch über jede der vielen positiven Begegnungen statt mich über 20 Cent zu ärgern. Und tatsächlich merke ich nach ein paar Tagen, dass ich mich an alles gewöhne, dass ich beginne, mich besser in dieser fremden Kultur zurechtzufinden als am Tag meiner Ankunft.


Am Ende wird mir jedenfalls bewusst, wie wichtig das Reisen ist. Um zu verstehen, dass es so viel mehr als nur die eigene Perspektive gibt. Und um zu verstehen, was andere Menschen bewegt. Immerhin teilen wir alle uns den Planeten Erde - die eine Welt, die wir nur haben.


 

Und hier gibt's noch mehr Vietnam:

Im Beitrag Hanoi - Von Mopeds, Streetfood und Johann Sebastian Bach geht es um eine ganz besondere Taxifahrt - außerdem verrate ich meine Geheimtipps für einen Besuch in Hanoi. Auch außerhalb von Hanoi, auf dem Weg von Hoi An in den Norden gibt es einige wunderschöne Orte zu sehen: Vietnam - Von Hoi An nach Hanoi. Unterwegs lohnt es sich, die Verkehrsmittel der Einheimischen zu nutzen. Was ich dort erlebte, könnt ihr hier nachlesen: Vietnam - Einmal den local bus, bitte! Außerdem empfehle ich euch noch den Artikel Vietnam für Backpacker, in dem es um allgemeine Tipps für eine Reise hier geht!

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